thants me on my swing in my car
Zu meiner Person:
Sophia, 30 und habe ein paar Fragen.
Generell würde ich sagen, ich bin ein kritischer Mensch. War ich schon immer. Die Menschen haben das leider oft missverstanden und entschieden, dass es besser ist, mich als verrückt abzustempeln. Aber das ist ok. Muss ja auch derbe anstrengend sein, immer wieder zu hören, dass manche Dinge einfach strange sind.
Aber so sehe ich die Welt nunmal und nach 30 Jahren bin ich endlich fähig, mich in dieser Welt treiben zu lassen. Und ich muss ganz ehrlich sagen, es tut gut sie nicht mehr retten zu wollen. Und es tut sogar noch besser, mich nicht mehr ändern zu wollen.

Wer, wie, was? Wie kommt denn das?
Es waren ein Haufen lange und lehrreiche Jahre, kann ich da nur sagen.
Ich werde allerdings einen Teufel tun, den ganzen Scheiss im ersten Absatz aufzuführen, das hält eh keiner aus, so am Stück.
Aber um nicht so aus dem Nichts anzufangen, umreiße ich mein Leben kurz und ehrlich (obwohl es mir wie wild in den Fingern juckt, mich frei nach Torsten Schräter in eine Fantasiekindheit zu stürzen und einfach los zu erfinden, aber nein!)
Geboren im Herzen des Ruhrgebiets.. (wobei ich mich immer Frage, was der Scheiss mit dem Herzen soll, Lokalpatriotismus is was für Leute mit Vorurteilen. Und Schwule.)

Moment, Scheisse, wen juckt denn wo ich herkomme? Eigentlich schweife ich in Gedanken ab und denke darüber nach, dass ich meiner Mutter ja noch Blumen zum Muttertag kaufen muss und wie wenig Lust ich darauf habe, Friedefreudeeierkuchen zu spielen.. Da hilft auch die ganze möchtegern Polemik gegen Schwulenhasser, Vorurteile und ihre Besitzer nix.

Im großen und ganzen geht’s es mir nämlich um was ganz anderes. Um radikale Ehrlichkeit, ums glücklich sein und um FREIHEIT.
„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, dass habe ich deswegen schon, stolz wie eine Einhorn, auf meinen Armeerucksack in der Schule propagiert. Und verstanden habe ich es mit meinen jungen 14 Jahren auch schon. Schade war nur, dass diese Jahre, anstatt voller Unschuld und Hoffnung geladen zu sein, voll mit Angst, Unsicherheit und Bedürftigkeit gespickt waren. Denn anders sein ist nie leicht. Und unsere Gesellschaft ist beim besten Willen nicht darauf ausgelegt Individualismus, Meinungsfreiheit, Respekt und Selbstliebe zu fördern.
Und nicht nur trotz, sondern gerade wegen dieser tristen Umstände, habe ich mich entschlossen zu schreiben. Um Mut zu machen. Um die Angst vor dem Scheitern zu mildern. Um meinem kleinen ich zu sagen, dass was ich bin, gut ist.

Vor ein paar Monaten habe ich meinen Job in der Werbeagentur gekündigt, kurz darauf auch meine Wohnung und im Zuge dessen auch die elendige Beziehung zu meiner großen Liebe beendet.
Klingt radikal, war es auch. Seit dem lebe ich von der Hand in den Mund und lasse mich treiben. Was wiederum romantischer (und obdachloser) klingt als es ist. Wer kann schon nach 30 Jahren Konditionierung einfach sagen: „Hey, ich lasse alle meine Sicherheiten zurück und habe dabei üüüberhaupt keine Angst“? Niemand. Ich persönlich, scheisse mir ab und an noch ordentlich die Hosen voll. Jeder meiner engen Freunde, kann davon ein Lied singen. Warum ich das dann mache, wäre hier eine angemessene Frage. Weil das immernoch tausend mal besser ist, als mein Leben vorher war. Kontrolle ist nämlich nur ein Trugschluss von Sicherheit.
Diese Fatamorgana in der wir leben löscht unseren Durst nur so lange, bis wir wieder alle Sinne beisammen haben. Oder bis sich unser Partner trennt, wir unsere Arbeit verlieren oder das klassische burnout Erlebnis durchlaufen. Dann sind die vermeintlichen Sicherheiten plotzlich für’n Arsch.

Vor ziemlich genau 3 Jahren, war ich exakt an diesem Punkt. Ich hatte meinen ersten eigenen burnout. Die beste Therapeutin der Welt, hat mir dabei geholfen mich von meinem damaligen Partner zu trennen und mein Geschäft an den Haken zu hängen. Aber leidenschaftlich (und süchtig) wie ich bin nunmal war, habe ich mich kurz darauf in Spanien und einen seiner Einwohner verliebt. Mit einer Umzugspalette sinnlosem Kram und einem sich überschlagenden Herzen, habe ich also nach Spanien umgesetzt.

To cut a long story short – meine letzte Revolte hatte begonnen!
Ich hatte keinen Pfennig, habe mir aber trotzdem in ein paar Monaten Spanisch beigebracht. Ich hatte keine Ausbildung oder Referenzen und habe es in eine renommierte Werbeagentur geschafft. Ich habe nicht aufgegeben und den Mann meiner Träume dazu gebracht mir „ich liebe dich“ zu sagen. Mehrfach und ohne Pistole an seinem Kopf. Und da saß ich also und hatte es irgendwie doch wieder geschafft. Meine Wohnung im Zentrum Barcelonas brachte mir regelmäßigen Neid und meine Arbeit war doch auch genau was ich wollte. Warum war ich denn dann nicht endlich glücklich? Warum kam ich nicht zur Ruhe?

Ein Haufen intensive Skypegespräche mit meinen besten Freunden und Theo Fischers „Wu Wei“ haben das Fass zum Überlaufen gebracht. In wenigen Monaten begannen alle meine Bindungen Stück für Stück an Magie zu verlieren. Plötzlich war ich nicht mehr mein Beruf, ich war nicht mehr meine Beziehung, ich war nicht meine Wohnung. All dies wurde unwichtig.
Als erstes fing es an, als ich eines Tages im Park saß. Ich fühlte mich aufgehoben, zuhause. Und mit der Zeit beobachtete ich, dass sich dieses Gefühl immer häufiger einstellte. Und eines Tages, stellte ich überrascht und überglücklich fest, dass ich überall zuhause war. Im Bus, am Strand und in der Warteschlange vom Amt.
Und so ging es weiter, ein Band nach dem anderen löste sich und ich fühlte mich glücklicher und freier als ich es jemals war.
Und um meiner inneren Freiheit gerecht zu werden löste ich nach und nach auch alle äußeren Bindungen.

Was mich zurück ins jetzt bringt. Ins Ruhrgebiet, den Ort an dem ich in die Welt gepresst wurde und dem Ort an dem ich heute meinen Koffer geparkt habe und einen Kaffee trinke.

Durch einen riesigen Zufall, habe ich vor ein paar Wochen einen Auftrag bekommen, der mir erlaubt, nach Jahren mal wieder die „Heimat“ zu besuchen und mir sogar einen kleinen LKW zu kaufen. 3 Wochen habe ich nun in diesem Wagen gewerkelt, ein kleines fahrbares Zuhause daraus gemacht und mir eine Schaukel in die Tür gehangen. Ich plane eine Rundreise durch den Süden Spaniens und quer durch das schöne Portugal. Heute wurde mir allerdings klar, dass dies so nicht passieren wird. Einen Wagen zu besitzen, mit all dem Krams der darin ist, fühlt sich einfach mehr nach unnötigem Ballast an, als nach Freiheit. Morgen stelle ich ihn ins Netz und werde mir einen leckeren Tee zum abwarten kochen. Ich habe keine Ahnung ob ich mein Geld wieder bekomme – laut meinem Mechaniker, habe ich schon viel zu viel für den Wagen bezahlt. Aber eins steht fest. Ich werde in ein paar Tagen wieder in den Süden los ziehen.
Denn scheitern gibt es eigentlich nicht wirklich.

Ein Freund sagte mir mal „either you win or you learn“. Ich schaue auf den strömenden Fluss vor mir, lasse mich von seiner Entschlossenheit und Ignoranz inspirieren und während ich so ungebunden wie noch nie an meinem Kaffee schlürfe, dichte ich die weisen Worte um, in „either you learn or you learn“.

Meine Reise hat begonnen und nichts kann mich aufhalten, denn ich bin der Fisch und ich bin der Strom. Ihr Penner.

Pin It on Pinterest